LGBTQ Trends 3: Camp – der queere Style mit dem gewissen „Extra“

LGBTQ Trends 3: Camp – der queere Style mit dem gewissen „Extra“

Von der queeren Subkultur in den Mainstream: Der Stil „Camp“ ist überall. Ob Gucci, Dragqueens oder Lady Gaga – die Camp-Ästhetik begegnet uns in Mode, Musik und Werbung. Wir erklären in diesem Trend-Guide, was es mit dem queeren Popkultur-Phänomen auf sich hat und warum im Marketing für die LGBTQ-Community kein Weg an Camp vorbeiführt.

von | 04. Juni 2020 | LGBTQ, queer, SÍSÍ, Trends

New York, 2019 – auf dem roten Teppich der Met Gala: Lady Gaga erscheint in einem grell-pinken Kleid, übergroß aufgebauscht, auf dem Kopf eine riesige Schleife im gleichen grellen Farbton, die Augen umrahmt von goldenen Kunstwimpern. Eine Entourage aus Lakaien in dunklen Anzügen trägt ihre Schleppe. Schützend halten sie Regenschirme über den Star – obwohl es nicht regnet. Bei jedem Windstoß bläst sich das Kleid zu einer magentafarbenen Wolke auf, während Lady Gaga für die Fotografen mit affektierten Gesichtsausdrücken und übertriebenen Gesten posiert. Die Gruppe schreitet langsam die Stufen des Metropolitan Museums herauf – jede Bewegung ist durchchoreographiert. Dann kehrt Lady Gaga noch einmal um, entledigt sich des pinken Überwurfs und präsentiert darunter ein schwarzes Abendkleid, das ihr Modedesigner eigenhändig zurechtzupft. Doch damit nicht genug: Unter dem schwarzen Kleid verbirgt sich ein weiterer Dress – pink und enganliegend. Mit platinblonder Perücke, künstlichem Spray-Tan, übergroßer Sonnenbrille und einem riesigen 90er-Jahre-Handy (das sich als Handtasche entpuppt) erinnert sie nun an die Italo-Fashion/Trash-Ikone Donatella Versace. Den krönenden Abschluss dieser Red-Carpet-Performance bildet ein Striptease bis auf die strassbesetzte Unterwäsche. In BH, Strumpfhosen und High Heels räkelt sich Gaga vor den Paparazzi, bevor sie nach sage und schreibe 16 Minuten den roten Teppich verlässt.

Camp: „too much“ ist gerade genug

Ist das „too much“? Zu „versext“ (Kronen-Zeitung)? Der Gipfel der Geschmacklosigkeit? Ja und nein – es ist „camp“. Bei Camp handelt es sich allerdings nicht um Outdoor-Mode fürs Zelten, sondern um eine Ästhetik, die das Künstliche, Übertriebene und Affektierte feiert. Lady Gaga lieferte bei der Met Gala somit eine perfekte Interpretation von Camp-Ästhetik: Ihr Auftritt war in jeglicher Hinsicht übertrieben (die Anzahl der Outfits, die Entourage, die Zeit auf dem Teppich…) und unnatürlich (Posen, Spray-Tan, die Handy-Handtasche!). Und doch konnte man ihre Liebe zum Ritual des Schaulaufens auf dem roten Teppich herauslesen: Eine Diva, die sich auf dem red carpet selbstironisch (und selbstverliebt) parodiert.

Das Motto der Gala lautete nämlich „Camp: Notes on Fashion“ – eine Anspielung auf Susan Sontags begriffsprägenden Essay „Notes on Camp“ von 1964. Sontag beschreibt Camp als „Stil auf Kosten des Inhalts“: ein „zu viel“ von visuellem Dekor und Theatralik. Camp bezeichnet jedoch nicht nur eine kulturelle Praktik, sondern vielmehr die ironische, aber durchaus wertschätzende Wahrnehmung der genannten Qualitäten in Kunst und Kultur. Camp ist eine ästhetische Sensibilität mit Vorliebe für das Unnatürliche und vor allem das Amüsement angesichts des Scheiterns von Ernsthaftigkeit.

 

Während die bürgerliche Feuilleton-Hochkultur über geschmacklosen Kitsch die Nase rümpft, erfährt dieser durch Camp eine Neubewertung. Die Camp-Sensibilität schwankt dabei zwischen tiefer Bewunderung und ironisch-distanzierter Belustigung. Der Unterschied zwischen Kitsch und Camp liegt also vor allem im Auge des Betrachters. So sind auch alte Schmachtfetzen wie „Sissi“ mit opulenter Ausstattung und süßlichem Herz-Schmerz Paradebeispiele für nostalgischen Camp – obwohl die Filmemacher das sicher nie beabsichtigten. Die halb-ironische „Camp-Brille“ wertet insbesondere Popkultur auf: So werden auch Disney-Musicals, Seifenopern oder der Eurovision Song Contest mit seinen Trickkleidern, Bühnen-Gimmicks und fragwürdigen Gesangskünsten zu Camp-Highlights.

Camp ist queer!

Nicht umsonst ist Lady Gaga eine Gay-Ikone. Sie hat die Prinzipien der Camp-Ästhetik verinnerlicht – und weiß, wie sie ihre LGBTQ Fans um den Finger wickelt. Denn Camp ist ein zutiefst queeres Konzept. Direkt kann man den Begriff mit „gekünstelt“, aber auch „tuntig“, übersetzen. Die Camp-Sensibilität ist in der queeren Subkultur verwurzelt. Oscar Wilde gilt mit seinem Dandytum und Ästhetizimus als einer der Vordenker von Camp:

„The first duty in life is to be as artificial as possible. What the second duty is no one has as yet discovered.”

Im Deutschen begegnet uns im Zusammenhang mit exzessiv-opulentem Einrichtungsstil à la Harald Glöööckler nicht von ungefähr der Begriff „Tuntenbarock“. (Dies muss nicht abwertend gemeint sein, sondern kann auch liebevoll eingesetzt werden).

Auch die schwule Divenverehrung für eine Lady Gaga, Madonna oder Cher lässt sich durch Camp erklären: Sie verkörpern mit dramatischen Gefühlsäußerungen und extravaganten Kostümen exzessive Darstellungen von Weiblichkeit und stehen damit in der Tradition von Hollywood-Stars wie Bette Davis und Marilyn Monroe. Gerade das Over-Acting solcher Diven als Femme fatale entlarvt die Genderrolle als soziales Konstrukt und eröffnet die zutiefst queere Einsicht, dass Geschlecht eine erlernte Performance ist.

Genau diese Theatralik wird auch in der queeren Drag-Kunst zelebriert: Dragqueens imitieren Weiblichkeit nicht 1:1, sondern mit überzeichnetem Makeup, riesigen Perücken, massenweise Federn und Glitter – je mehr, desto besser. Drag ist Parodie von Gender-Klischees und gleichzeitig Hommage. Drag ist also Camp par excellence und Camp somit ein queerer Tabubruch: Ein subversives Spiel mit gesellschaftlichen Konventionen. So führt Camp heteronormative Verhaltensweisen ad absurdum und stellt die „Regeln des guten Geschmacks“ in Frage.

Camp ist anti!

In diesem Sinne ist Camp auch eine Anti-Ästhetik, die das Absurde und Bizarre zelebriert: Wenn Dragqueen Divine im John-Waters-Film Pink Flamingos einen Hundenhaufen isst. Wenn groteske alte Damen à la Iris Apfel sich nicht „altersgemäß“ in geriatrisches Beige hüllen, sondern ihre Exzentrik modisch ausleben.

Wenn New Yorker Nightlife-Ikone Amanda Lepore ein Gesamtkunstwerk der plastischen Chirurgie verköpert. Was der Mainstream als geschmacklos, unangemessen und grässlich abstraft, erhebt Camp zum Kult.

Der schmale Grad zwischen spöttischer Bewunderung und liebevoller Parodie seiner Objekte führt jedoch dazu, dass Camp auch eine gewissen Grausamkeit attestiert wird. Kritiker*innen der Ästhetik stellen die Frage: Macht Camp sich als eine Ästhetik vornehmlich schwuler Männer über marginalisierte Gruppen lustig?

So wird der Camp-Ästhetik z.B. Frauenfeindlichkeit vorgeworfen: Camp (insbesondere Drag) reduziere Frauen zu Objekten und zementiere gleichzeitig überkommene Gender-Klischees.

Diese Perpektive verkennt jedoch, dass Camp natürlich auch von Frauen aktiv geprägt wird. Durch den spielerischen Umgang mit Geschlecht bietet Camp gerade auch weiblichen Akteurinnen ein Versuchslabor für unterschiedlichste Ausdrucksformen von Weiblichkeit – sei es in feministischen Burlesque-Shows oder als lesbischer „BUTCHCAMP“.

So viel zur Einführung. Aber wie lässt sich Camp im Marketing nutzen?

Trotz aller Widersprüchlichkeiten und Definitionsprobleme konnte sich die Camp-Ästhetik in den letzten Jahren im Mainstream etablieren und ist einer der top Marketing-Trends – längst nicht nur für die queere Community. Besonders im LGBTQ-Marketing ist Wissen über Camp für Marketing-Expert*innen essentiell. Im Folgenden präsentieren wir aktuelle Beispiele aus Kultur und Kommerz für das schwer zu fassende Konzept. Unser visueller Guide für Camp im queeren Marketing – et voilà:

Camp ist Kitsch ist Kunst! 

Als Klassiker der Camp-Fotografie führt kein Weg am französischen Künstler-Paar Pierre et Gilles vorbei: Durch aufwändig inszenierte Foto-Shoots, Glitter und Koloration transformieren sie ihre Models (darunter Stars wie Madonna und Michael Jackson) zu Camp-Ikonen der Popkultur. Ihre Inspirationen reichen von schwulen Beefcake-Pinups der 50er, über Pop-Musik bis zu religiösem Kitsch. Insbesondere der Einfluss von James Bidgood ist unverkennbar: Der New Yorker lichtete bereits in den 60ern männliche Aktmodelle in Glamour-Shots mit Technicolor-Palette ab. Zuletzt stand das Publikum Anfang des Jahres bei ihrer Ausstellung „Fabrique des Idoles“ in der Philharmonie de Paris Schlange.

Jean Paul Gaultiers Parfüm-Ads sind ohne den Camp-Einfluss von Pierre et Gilles undenkbar.

Bidgood und Pierre et Gilles beeinflussten auch David LaChapelle, dessen bunte Glamourwelten zwischen Kitsch, Porn und Kunst angesiedelt sind. Seine Musikvideos und Werbekampagnen (u.a. Diesel, Kenzo) beweisen, dass Camp und Kommerz kein Widerspruch sind. Britney, Björk, Gaga, die Kardashians und viele mehr: Das Who-is-Who der Popkultur ließ sich bereits von ihm ablichten – so wie aktuell Lizzo für das Cover des Rolling Stone.

Kink meets Kitsch: Campy Collagen aus Pop- und Konsumkultur, queerer Sexualität und Kitsch zeigen, dass Camp auch der jüngeren Fotografen-Generation einen unendlichen Spielplatz für kreative Ideen bietet.

Jonathan Icher verbindet die Plastikwelten kitschiger Kindheitsrelikte wie My Little Pony oder Sailor Moon mit schwulen Pornofantasien.

Der Berliner Fotograf YuLiang Liu setzt Models in Fetishwear in Meisterwerke der Kunst ein. So verleiht er Klassikern wie Botticellis „Venus“, Klimts „Kuss“ oder Fragonards „Schaukel“ ein queeres Update. Das ist humorvoll, respektlos – und erhebend. Das Berliner Kunst-Kollektiv Pornceptual nutzte seine Werke bereits für das Marketing der gleichnamigen Partyreihe.

Fotograf Eli Rezkallah aus Beirut ist Gründer von Plastik: Das Magazin ist ein endloser Quell von campy Werbe- und Kunstfotografie. Seine eigenen Fotografien inszenieren Models als pizzaessende Marie Antoinette oder plastikglänzende Barbie-Puppen in bonbonbunten Settings. Das erinnert an die melodramatische Pop-Art Roy Lichtensteins oder DEN Modefotografen der 70er: Guy Bourdin. Für Kosmetik-Werbeshoots holt er sich auch gerne die Dragqueens von RuPaul’s Drag Race vor seine Kamera. Mehr Camp geht nicht!

Camp is fashion!

Die Kollektionen des Modelabels Gucci von Creative Director Alessandro Michele sind wahre Camp-Explosionen: Schräge Muster-Kombinationen, schrille Farben, auffällige Accessoires, Gold und Pailletten zeugen von überzeugtem Maximalismus – irgendwo zwischen Geschmacklosigkeit und dem Glamour vergangener Jahrzehnte. Selbstironisch spielt Michele mit Echtheit, Hedonismus und Prestige, wenn er seine Luxus-Produkte im Stil billiger Hong-Kong-Imitate mit riesigen Prints wie „GUCCY“(!) und „FAKE“ versieht.

Auch bei Moschinos Creative Director Jeremy Scott gilt die Devise „more is more”. Pomp, übergroße Labels und unzählige popkulturelle Referenzen machen das Label zu einem Camp-Gesamtkunstwerk – und einem Liebling der Stars. Ein vergangener Verkaufsschlager: die iPhone-Hülle in Form einer McDonalds-Pommes. Für den „Moschino-Barbie“-Werbespot im 80s-Style durfte erstmals ein Junge die Puppe anpreisen.

Die letzte Herbst-Winter-Kollektion bot Reifröcke für die Marie Antoinettes von heute. Und die Kampagne im Beispielvideo erweckt die campy Welt der 80er-Seifenopern wie Denver Clan zum Leben – big Hair, big emotions!

Für seine Frühling-Sommer-Kollektion setzte das holländische Duo Viktor & Rolf auf überdimensionierte Tüllröcke in knalligen Farben. Der campe Clou: die Röcke beschrifteten sie mit plakativen ironischen Statements („NO PHOTOS PLEASE“, „Less is More”). So verwandelten sie die Models in wandelnde Memes – wie geschaffen für die Generation Instagram!

Camp is pop!

Sie kann Camp nicht nur auf dem roten Teppich: Für die musikalische Rückkehr zu ihren Pop-Wurzeln setzte Lady Gaga im Video zur Lead-Single ihres aktuellen Albums Chromatica auf schrille Farben und eine Retro-Trash-Science-Fiction Optik. Mit einer queeren Tanztruppe in neon-bunten Lack-und-Leder-Outfits tanzt Gaga auf der Oberfläche eines Green-Screen-Wüstenplaneten und fordert „Stupid Love“. Das weckt Erinnerungen an einen Camp-Science-Fiction-Klassiker der Love Generation: Barbarella mit Jane Fonda.

Vergangene Jahrzehnte und ihre (aus heutiger Sicht) geschmacklichen Entgleisungen sind stets ein gefundenes Fressen für Camp-Lover. Dua Lipas Hit „Let’s Get Physical” bedient sich im Arsenal der 80er: Der Titel erinnert an Olivia Newton-Johns „Physical“, der Sound ist Synthie-lastig und es wurde sogar ein zusätzliches „Let’s Get Physical Workout Video“ im 80s-Style der Aerobic-Ära erstellt – voller Spandex, Retro-Grafikdesign und mit einem ironischen Augenzwinkern.

Camp auf YouTube!

„Bitch! Mama braucht eine Restaurierung. Okurrr!“ Pinke Haare sind ihr Markenzeichen, ihr Körper ist „plastic“, sie ist schrill, vulgär und sehr laut: Die Schweizerin Raffa hat mit ihrer übergroßen Online-Personality fast 700.000 Abonnenten für ihren YouTube-Channel Raffa’s Plastic Life gewinnen können (plus 400.000 Instagram Follower). Mit Drag-Slang, sympathischem Akzent und einer EXTRA Portion Selbstironie („Ich bin Abfall“) erzählt sie Alltagsanekdoten, lästert über „Beauty-Hack“-Videos oder berichtet über ihren trans* Hintergrund. Dank ihres Camp-Appeals verkauft Raffa eine eigene Make-up-Linie und Merchandising.

Der queere YouTube-Gigant Jeffree Star kann sogar mit 18 Mio. YouTube-Followern aufwarten. In seinen Videos präsentiert er nicht nur seine erfolgreiche Jeffree Star Cosmetics-Linie, sondern auch persönliches Drama und seinen campy Lifestyle – inklusive einer Villa auf die sogar Barbie neidisch wäre..

Miranda Sings ist eine YouTube-Kunstfigur, die sich wahnhaft als Superstar fühlt – und ihre Fans im real life mit schrägem Gesang und maßlos überhöhtem Selbstbewusstsein begeistert. Comedian Colleen Ballinger schuf mit Miranda eine moderne Inkarnation von Florence Foster Jenkins, die Anfang des 20. Jahrhunderts als „Diva der falschen Töne“ bekannt war. Als Parodie auf die „Fame Generation“ schaffte sie es immerhin zu bescheidenen 10 Mio. YouTube-Abonnenten, Live-Tourneen und einer eigenen Netflix-Serie.

Camp in Serie!

Unter der Kleinstadtidylle von Riverdale brodelt es gewaltig: Die Teenie-Seifenoper bietet nicht nur die üblichen High-School-Dramen und Dreiecksbeziehungen zwischen den archetypischen Charakteren (Jock, Cheerleader, Girl-Next-Door, Außenseiter), sondern tischt (unter anderem) Serienkiller, Sekten, Inzest-Verdacht und Bandenkriege auf. Gothic-Horror-Elemente werden kombiniert mit einem Produktionsdesign im Look der all American 50s und kreieren eine surreale Melange. David Lynch lässt grüßen! Dazu gibt es jede Menge homoerotischen Eye Candy, ein lesbisches Power Couple, Musical-Einlagen und seltsam gestelzte Dialoge. All das kann man als haarsträubend unrealistischen Trash abtun – oder als „guilty pleasure“ mit Camp-Appeal genießen.

Seifenopern der 80s wie Dallas und Denver gehören durch ihre Schulterpolster, Catfights und zum Camp-Kanon. Noch mehr escándalo gibt es höchstens in lateinamerikanischen Telenovelas. Die Netflix-Produktion Blumige Aussichten (La casa de las flores) schöpft dieses Camp-Potential im Milieu der Reichen und Schönen von Mexiko City aus: Familiengeheimnisse! Intrigen! Dragqueens! Das Drehbuch könnte von Pedro Almodóvar stammen. Ein kräftiger Schuss Selbstironie und queere Handlungsstränge über Bi- und Transsexualität runden den Camp-Cocktail ab und bringen die Story ins Hier und Heute.

 „Super Producer” Ryan Murphy (Glee, American Horror Story) hat Camp zum Erfolgsrezept gemacht. Am deutlichsten wurde dies zuletzt in seiner bitterbösen Polit-Satire The Politician. Schon der Berufswunsch des Protagonisten ist völlig over the top: Millionärssöhnchen Payton will Präsident der USA werden. Im Cast tummeln sich die Diven: Gwyneth Paltrow parodiert sich als seine New-Age-affine Übermutter selbst, Murphys Muse Jessica Lange spinnt als monströs-manipulative Betrügerin Intrigen zur Musik von Shirley Bassey – und sogar Gay-Ikone Bette Midler gibt sich die Ehre. Die Ausstattung ist opulent, die Charaktere grotesk und die Dialoge scharfzüngig. Sexualität und Romantik sind in dieser Welt überraschend queer und fluide – oder zählen einfach nur als campe Pose für den nächsten Wahlerfolg.

Apropos Pose, so heißt auch Murphys gleichnamige Serie über die New Yorker Ballroom-Szene der 80er – die Geburtsstätte des Voguings. Dieser Tanz ist eine Aneinanderreihung von campy Posen aus dem Modemagazin Vogue – und Camp ist in dieser Subkultur eine Überlebensstrategie: Durch queere Ersatzfamilien („Houses“ wie z.B. das House of Xtravaganza) bot diese Community marginalisierten queeren Schwarzen und Latinxs eine Fluchtmöglichkeit aus einer ansonsten chancenlosen Lebensrealität. Bei Tanz- und Modeling-Wettbewerben im Ballroom konnten Träume von Berühmtheit und Glamour als Filmstar, Geschäftsfrau oder Supermodel ausgelebt werden, die den Teilnehmenden im weißen Mainstream verschlossen blieben. Auf diesen Bällen zählte nicht die Hautfarbe, das biologische Geschlecht oder die sexuelle Orientierung, sondern einzig die „realness“ der Performance auf dem Runway. Gender und Status sind im Ballroom keine unveränderlichen Eigenschaften sondern performative Kategorien.

Murphy porträtiert diese Welt in weiten Teilen gar nicht „camp“, sondern überraschend ernsthaft, wenn er die Diskriminierung von transgender Frauen und die AIDS-Epidemie zeigt. Als Serie mit dem größten transgender Cast zollt er den Ursprüngen dieser Kultur Respekt. Richtig Camp wird es trotzdem auf dem glitzernden Runway, wenn die Looks, Musik und das Charisma der Performer die Faszination dieser Welt vermitteln. Das glorreiche Camp-Highlight der Serie ist allerdings Elektra (gespielt von Dominique Jackson): Mutter des „House of Abundance“, übergroße Diva und Meisterin des „Reading“ (die Kunst der gepflegten Beleidigung). The library is open!

Heute erlebt Voguing eine Renaissance: Unter anderem durch Murphys Serie besteht ein erneutes Interesse am Tanz und der dahinterliegenden queeren Kultur. So werden nicht nur Tanzkurse besucht, sondern weltweit Houses gegründet – in Paris, Berlin und sogar Nürnberg. Das schafft Awareness für queere People of Color.

Camp ist Reality!

„Lip sync for your LIFE!“ Drag ist seit jeher ein fester Bestandteil der schwulen Subkultur, doch erst RuPaul mit seiner Reality-Contest-Show RuPaul’s Drag Race hat es geschafft, aus dieser campen Kunstform ein queeres Imperium aufzubauen.  Gerade hat RuPaul zum 12. Mal „America’s Next Drag Superstar“ gekrönt, dazu kommen Serien-Ableger wie All Stars, Drag Race UK oder Secret Celebrity Drag Race. Dragqueens aus der Serie wurden zu weltweiten Stars mit Plattenverträgen und Sponsoring-Deals und ihre Catchphrases („Miss Vaaanjie!“) haben einen festen Platz im Gay-Slang. Durch den anhaltenden Erfolg trägt Drag Race das Thema Drag – und gleichzeitig die Offenheit für queere Lebenswelten – immer weiter in den Mainstream. Dies lässt sich natürlich auch gut vermarkten: Neben den „Werq the World“-Tours der Drag-Race-Queens produziert das Drag-Race-Universum auch noch DragCons (Drag-Messen), unzählige YouTube-Channels, Merchandise und reihenweise Pop-Hits.

Im Fahrwasser von Drag Race brachte Heidi Klum mit ihrer ProSieben-Variante Queen of Drags sogar erstmals die deutsche Drag-Szene in die Prime-Time. Auch die deutschen Queens zeigten sich geschäftstüchtig: so wurde z.B. Candy Crash zur Markenbotschafterin für Mac Cosmetics, gibt Schmink-Masterclasses bei Douglas und veröffentlichte nebenbei eine eigene Single.

Camp is a meme machine!

Wer hätte damit gerechnet: Reality-TV wird auch Jahre später noch recyclet. Die zugespitzten Emotionen oder herrlich dämlichen Sprüche ehemaliger Trash-TV-Sternchen wie Kader Loth, Naddl oder Claudia Obert sind heute beliebtes Futter für Meme-Accounts. Galeria Arschgeweih spezialisiert sich auf deutsche „Stars“ aus Sendungen der Nullerjahre und gibt diesen damit eine Beliebheitsboost. (So schaffte es Claudia Obert aktuell sogar zu einem weiteren Reality-Auftritt im Trash-Sat1-Format Promis unter Palmen). 

Mit formelhaften Überschriften werden kurze Video-Ausschnitte in einen neuen Kontext gesetzt und laden damit zu ironischer Belustigung ein, aber auch zu liebevoller Identifikation. Massenhaft taggen sich die Follower darunter in den Kommentaren. Solcherlei Memes sind gleichzeitig Beleg für die Camp-Rezeption von Trash-TV wie auch ihrerseits aktuelle Camp-Neukreationen.

Aktuelle Reality-Produktionen wie die schwule Dating-Show Prince Charming haben ihr eigenes Camp-Potential erkannt und liefern den Fans direkt fertige Memes auf Instagram zur viralen Verbreitung.

International sticht der Meme-Account des Künstlers Saint Hoax hervor. Dort bedient man sich im gesamten Fundus der aktuellen Popkultur: Von Beyoncé bis Trump, von der Queen bis zu den Kardashians – niemand ist vor der Meme-Werdung sicher. Besonders beliebte Meme-Queen: Britney Spears, deren eigenes Instagram-Profil ohnehin eine Camp-Fundgrube ist: Das popkulturelle Klischee des abgestürzten Weltstars verbindet sich hier mit ihrer naiv-kitschigen Selbstdarstellung und erzeugt eine unfreiwillige Tragikomik. Die Fans lieben das und verhalfen ihr ganz aktuell mit dem drei Jahre alten Song „Mood Ring“ zu Platz 1 der iTunes-Charts.

Bei Saint Hoax werden jedoch nicht einfach Videos mit Überschriften versehen, hier wird alles zusammengeschnitten und photogeshoppt, was die technischen Mittel zulassen und teils regelrechte „Deep Fakes“ produziert. Diese Form von Camp ist nicht naiv wie Britney, sondern beißende politische Satire. Dies widerlegt Sontags Annahme, dass Camp nur an der Oberfläche interessiert sei und damit apolitisch.

Ein Blick in die realen Vorgänge im Weißen Haus zeigt, wie nahe die Camp-Sensibilität am heutigen Zeitgeist ist: Mit Trump haben die USA eine Karikatur aus dem Reality-TV mit Vorliebe für Fake News zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Trotz goldener Kloschüssel, trotz aller Selbstverliebtheit, Künstlichkeit und Übertreibungen fehlt ihm jedoch ein entscheidendes Merkmal um Camp zu sein: Die ironisch distanzierte Wertschätzung im Auge des Betrachters. Diese wird allerhöchstens noch der First Lady Melania zuteil, der man wünscht, endlich aus dem Weißen Haus entfliehen zu können.

Für das Marketing in der queeren Community gehört das Wissen über das Phänomen Camp heute zum Pflichtprogramm. Opulenz, Mut zur Hässlichkeit, Drag, Divenverehrung, popkulturelle Referenzen oder Memes – die Zutaten für Camp sind so vielfältig wie die queere Community. Wichtig ist in der Umsetzung vor allem das ironische Augenzwinkern, das Spiel mit den Regeln des „guten Geschmacks“ und eine Liebe zur queeren Subkultur.

 

Dann heißt es am Ende ganz campy: Hach, einfach entzückend, sweetie darling!

 

sisi agentur kommunikation claudius desanti

Claudius Desanti ist kreativer Kopf und Geschäftsführer bei SÍSÍ – der agentur mit akzent. Folge uns auf LinkedIn!

Das war Teil 3 der LGBTQ Marketing Trends

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LGBTQ Trend 1: Queere Superhelden

LGBTQ Trend 2: Gen Z – selbstbewusst queer auf Social Media

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* Warum LGBTQ und nicht LGBT ?

LGBTQ steht für Lesbisch, Gay (schwul), Bisexuell, Trans* (transgender, transsexuell), Queer (von der heterosexuellen oder cis-geschlechtlichen Norm abweichend).

Wir verwenden diese erweiterte Form der im Mainstream bekannten Abkürzung LGBT. Leider repräsentiert LGBT die vielen Identitäten des queeren Regenbogens heute nicht mehr ausreichend. Es gibt in der queeren Community noch viele weitere Gruppen, die sich in den vier Buchstaben LGBT nicht wiederfinden: I für Intersexuell, A für Asexuell, P für Pansexuell etc.

Daher haben wir uns für die Variante mit Q entschieden: Queer kann auch als Überbegriff verwendet werden um die bunte Gesamtheit der LGBTTIQA*-Community abzubilden. So versuchen wir mit der Abkürzung LGBTQ die unterschiedlichen Gruppen dieser Community zu repräsentieren und gleichzeitig die Lesbarkeit und Verständlichkeit unserer Artikel zu garantieren.

Noch lieber als lange Akronyme ist uns aber sowieso das einfache Wörtchen „queer“ . 🌈

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